Ukrainisch: Keine selbstverständliche Sprache

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Ukrainisch: Keine selbstverständliche Sprache

Beitragvon Redaktion » Montag 2. Oktober 2017, 20:32

KOMMENTAR
Ukrainisch: Keine selbstverständliche Sprache


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Wenn ich beim Kennenlernen über meine Herkunft erzähle, vermuten viele Menschen aus den unterschiedlichen Ländern automatisch, dass ich Russisch spreche. Und wenn ich erkläre, dass meine Muttersprache eigentlich Ukrainisch ist, fragen manche von ihnen verwirrt: „Ist das doch nicht dasselbe?“ oder „Gibt es aber einen großen Unterschied?“ Die Antworten sind: Nein, das sind zwei unterschiedliche Sprachen und ja, es gibt eigentlich viele wesentliche Unterschiede. Und hier geht es darum, warum es wichtig ist.

Ich erinnere mich an den diesjährigen St. Patrick’s Day: Meine Kommilitonin und Landsmännin hat mich eingeladen, mit ihr und ihren Freunden ins Pub zu gehen. Die Gesellschaft war ganz international: Vier Menschen aus der Ukraine, ein russischer Freund meiner Kommilitonin und ein Kerl aus Kirgisistan. Und eine Sprache für uns alle – Russisch. Ich bin ein bisschen später gekommen, hat allen ein russisches „Hallo!“ gesagt und mich in ein laufendes Gespräch mit meinen ukrainischen Freunden eingeschaltet – auf Ukrainisch, da ich mit meinen Landsleuten immer nur diese Sprache spreche, unabhängig davon, welche sie benutzen. Allmählich wurden ein paar kleine Gespräche zu einem thematischen Gespräch und ich habe vom Ukrainischen ins Russische gewechselt, einfach weil ich es kann – im Gegensatz zu denjenigen Menschen am Tisch, die Ukrainisch nicht sprechen. Und genau dann hat ein Kerl aus Kyiv neben mir spöttisch kommentiert: „Oh, was für ein Akzent!“ Natürlich habe ich den Akzent beim Reden auf Russisch, da es – trotz des sehr hohen Beherrschungsniveaus – eine Fremdsprache für mich ist. Viel interessanter finde ich es, dass der Kommentator – der Ukrainer aus dem Herzen unseres Landes ist – mehr Schwierigkeiten mit Ukrainisch hatte, als ich mit Russisch. Dieser Fakt hat ihn aber offensichtlich nicht gestört, im Gegensatz zu meinem Akzent. Und ähnliche unangenehme „Sprachsituationen“ sind in meinem Leben keine Ausnahme, sondern eine Regel. Sie sind aber gar nicht so problematisch im Vergleich zu den Geschichten anderer Menschen, die wegen Ukrainisch explizit ausgelacht werden oder Diskriminierung am Arbeitsplatz oder beim Studium erleben.

Die interessanteste Frage ist aber: Warum kann ich überhaupt Russisch? Alle Mitglieder meiner Familie sprechen Ukrainisch und obendrein habe ich Russisch in der Schule nicht gelernt. Theoretisch gibt es somit eigentlich keine Ursache, warum ich diese Sprache beherrschen sollte. Die Antwort wird deutlich, wenn Sie entscheiden, einen Fernseher einzuschalten, eine Zeitschrift oder eine Zeitung zu kaufen. Heute bildet der Anteil ukrainischsprachiger Primetime-Sendungen nur etwa 30%, im Vergleich zu 35% russischsprachiger und derselben Anzahl der Sendungen, in denen Ukrainisch und Russisch gemischt nebeneinander laufen. Dabei wird Russisch so oft wie nie untertitelt. Wozu denn? Das ist doch eine selbstverständliche (und allgemeinverständliche) Sprache! Weniger als ein Viertel aller Zeitschriften und 35% aller Zeitungen erscheinen auf Ukrainisch (noch vor zwei Jahren war dieser Anteil weniger als 10% und 30% entsprechend). Und das ist nicht nur eine traurige Statistik, sondern eine echte Herausforderung, etwas von diesen 25% im Laden tatsächlich zu finden.

Vor 15-20 Jahren, als ich ein Kind war, sah die Situation noch schlimmer aus. Disney-Prinzessinnen und später die Protagonisten von The Lord of the Rings und Harry Potter haben ausschließlich Russisch geredet. Egal ob VHS, Kino oder Fernsehen: Es gab einfach keine Wahl. Seit einiger Zeit erfolgt ein bestimmter Fortschritt: Der Anteil ukrainischer Sprache in den Medien und im Dienstleistungssektor ist gestiegen. Heute gibt es sogar ein paar Kindersender mit Zeichentrickfilmen nur auf Ukrainisch. Seit 2006 werden die Filme in Kinos ins Ukrainische übersetzt (tatsächlich aber seit 2008). Manche Hauptsender bieten bis 90-100% der Inhalte auf Ukrainisch an. Aber bei den anderen steigt dieser Anteil nicht über 26%. Ironischerweise heißt einer von ihnen Ukrajina. Von den Top-1000 meistbesuchten ukrainischen Internetseiten liefern nur 11% ihre Inhalte ausschließlich auf Ukrainisch und ungefähr 22% sind zweisprachig. Die Mehrheit bietet ihr Content auf Russisch.

Ukrainisch im Dienstleistungssektor ist noch gar nicht immer ein Muss. Obwohl die Hersteller gesetzlich verpflichtet sind, die Information über ihre Produkte in der Staatssprache anzugeben, kommt es leider oft nicht vor. Das löst die aktive Tätigkeit mehrerer Aktivisten aus. In den Medien wird Swjatoslaw Litynskyj – der IT-Spezialist und Lektor an der Universität Lwiw – Sprach-Superman genannt: Er verklagt die Unternehmen, die keine Information auf Ukrainisch anbieten. Alles hat im Jahr 2012 mit einer Waschmaschine angefangen, als damals, das von ihm gekaufte Gerät keine ukrainischsprachige Markierung hatte und die Firma sich weigerte, zumindest die Sticker mit den Aufschriften auf Ukrainisch zu schicken. Das Gericht hat damals entschieden, dass die Abwesenheit der ukrainischen Markierung illegal ist. Als Folge führte die Firma nicht nur die ukrainischen Beschriftungen ein, sondern fing an, das Werbemotto „Ich spreche Ukrainisch“ zu benutzen. Auf solche Weise hat Litynskyj die ukrainischsprachige Markierung auch von den anderen Haushaltstechnikherstellern erlangt. Vor zwei Jahren hat der Aktivist mit Volkswagen prozessiert, und obwohl er das Verfahren verloren hattte, führte das Unternehmen die ukrainische Sprache in ihren Multimedia-Systemen ein. Manche anderen Firmen folgten dem Beispiel und ukrainisierten ihre Systeme freiwillig. Außerdem nötigte Litynskyj die Banken, die Quittungen auf Ukrainisch auszudrucken, und erlangte, dass die ukrainischsprachigen Versionen der Webseiten von vielen Unternehmen umgesetzt wurden. Er wurde zum ersten Menschen im Land, der infolge des Gerichtsprozesses einen Inlandspass ohne eine auf Russisch ausgefüllte Seite bekommen hat. Der Akivist hat sogar mit dem Innenministerium prozessiert, nachdem es sich weigerte, die ins Ukrainische übersetzte Rede vom Innenminister Arsen Awakow zu liefern (die Benutzung vom Russischen beim öffentlichen Auftreten ohne Übersetzung ist eigentlich eine „gute“ Tradition vieler Beamter). Der Minister reagierte harsch, indem er kommentierte, dass „die Menschen aus Lwiw auch dumm sein können“, und bezeichnete die Klage als „Hauen auf den Putz, um sich einen Namen zu machen“. Das Gericht hat trotzdem zugunsten des Klägers entschieden. Später entschuldigte sich der Pressereferent des Innenministeriums und verkündete die Übersetzung aller Videos auf dem offiziellen YouTube-Kanal, aber dieses Versprechen wurde nicht eingehalten.

Die Tätigkeit von Litynskyj und anderen Aktivisten inspiriert, aber die gesamte Situation ist traurig und inakzeptabel in dem Land, wo Ukrainisch nicht nur die einzige Staatssprache, sondern auch die Muttersprache für 60% der 42 Millionen-Bevölkerung ist (zudem halten weitere ca. 22% beide - Ukrainisch und Russisch - für ihre Muttersprachen).

Das Thema wird in der Ukraine immer wieder diskutiert, aber heutzutage ist es aus zwei Gründen besonders aktuell. Erstens wird die Invasion Russlands in die Ukraine immer wieder mit der Unterdrückung der russischsprachigen Bevölkerung argumentiert. Vor allem wirkten die russischen Medien als Wegbereiter für die Krim-Annexion und den Krieg im Osten der Ukraine, indem sie diesen Mythos aktiv verbreitet haben. Und falls die oben genannten Fakten nicht genug sind, um sie zu widerlegen, gibt es noch ein paar Zahlen über die Sprachsituation in der Krim im Jahr 2013. 89,4% der Schüler haben auf Russisch studiert, im Vergleich zu 7,3%, die die Bildung auf Krimtatarisch, und nur 3,1%, die sie auf Ukrainisch erhalten haben. In 14 von 600 Schulen auf der Halbinsel wurden die Kinder auf Krimtatarisch und nur in 7 auf Ukrainisch gelehrt. 83,1% der Studenten haben auf Russisch studiert. Mehr als 80% der Presse erschienen auf Russisch und nur eine Zeitung – ausschließlich auf Ukrainisch.

Zweitens gibt es heute drei unterschiedliche im Parlament registrierte Gesetzentwürfe, die die Sprachsituation völlig neu regulieren sollten. Sie alle fordern wesentliche Ukrainisierung des öffentlichen Bereichs. Die tiefgreifenden Veränderungen initiiert vor allem der Gesetzentwurf „Über die Staatssprache“, der unter anderem die Übersetzung der fremdsprachigen Inhalte im Fernsehen, die ukrainischsprachige Version von allen Zeitungen, Zeitschriften und Büchern im Ausmaß von mindestens 50% der Gesamtauflage, die Untertitel im Theater, die ukrainischsprachige Werbung und Wahlkampfmaterialien, Ukrainisch als Pflichtsprache im Dienstleistungssektor und bei der professionellen Tätigkeit der Beamte voraussetzt. Dieser Gesetzentwurf wurde von den Mitgliedern der unterschiedlichen Parteien und nichtstaatlichen Organisationen ausgearbeitet. Im Vergleich zu den Anderen ist er detaillierter und präziser formuliert.

Alle drei Gesetzentwürfe wurden als Alternative zum Gesetz „Über die Grundlagen der Staatssprachpolitik“ registriert, das 2012 mit den zahlreichen Verstößen und ohne Berücksichtigung der Änderungsanträge verabschiedet wurde. Es definiert Ukrainisch als die einzige Staatssprache und noch 18 (mit Russisch am Anfang der Liste und den weiteren Sprachen in der alphabetischen Reihenfolge) als regionale oder Minderheitssprachen. Auf dem Territorium, wo mehr als 10% der Bevölkerung (oder sogar weniger nach der Entscheidung des Kommunalrates) eine oder mehrere von diesen Sprachen benutzen, können sie de jure parallel zu Ukrainisch, aber de facto stattdessen im öffentlichen Bereich (Medien, Tätigkeit der Kommunalverwaltung, Untersuchungs- und Rechtsorgane usw.) verwendet werden. Als Folge hat Russisch einen Status der regionalen Sprache in sieben Gebieten und in der Krim bekommen. Sowohl die Verabschiedung dieses Gesetzes als auch die Versuche im Jahr 2014, es außer Kraft zu setzen, haben Massenproteste verursacht. Heute ist es immer noch gültig trotz des ab November dauernden Überprüfungsprozesses vom Verfassungsgerichtshof. Bemerkenswert zu erwähnen ist, dass die Autoren dieses Gesetzes 2013 von Wladimir Putin mit der Puschkin-Medaille für „den großen Beitrag zur Bewahrung und Popularisierung der russischen Sprache und Kultur im Ausland“ ausgezeichnet wurden.

Solange das alte Sprachgesetz überprüft und das neue noch nicht verabschiedet ist, macht die Regierung kleinere Schritte auf dem Weg zur Steigerung des Anteils der ukrainischen Sprache in den Medien. Im November wurden eine 25%-Quote für ukrainischsprachige Lieder und 50%-Quote für ukrainischsprachige Sendungen im Hörfunk eingeführt. Diese Gesetzesänderung setzt auch die allmähliche Steigerung dieses Anteils bis zu 35% und 60% entsprechend in zwei Jahren voraus. Jetzt kann man endlich Ukrainisch in den Sendern hören, in denen es früher nur in der Nacht anwesend war.

Ende Mai wurden eine 75%-Quote für ukrainische Sprache bei den landesweiten Sendern und Nachrichtensendungen und 60%-Quote bei den lokalen Sendern verabschiedet. Diese Einführung hat aber viele Lücken. Die Sendung gilt zum Beispiel als völlig ukrainischsprachig, wenn die ModeratorInnen Ukrainisch benutzen. Dabei muss die Rede von Gästen und ExpertInnen in den Live-Sendungen nicht übersetzt werden sowie die bis zum 1. August 1991 gedrehten Filme. Die Übersetzung der modernen Originalproduktion der Sender ist während der ersten 16 Monate seit der Gesetzesverabschiedung auch nicht gefordert, und dieser Aspekt ist wichtig, weil die meisten ukrainischen Filme und Serien auf Russisch gedreht werden. Der Sprachanteil wird pro Woche, nicht pro Tag berechnet: Das ermöglicht die wesentliche Dominanz der russischsprachigen Inhalte am Wochenende.

Die angebotenen Gesetzentwürfe und Quoten lösen heftige Reaktionen sowohl seitens ihrer Anhänger als auch ihrer Gegner aus: Die Ersten halten sie für zu mild, die Anderen für zu radikal. Eine dritte Kategorie unterstützt die Ukrainisierung, aber hält die gesetzliche Regelung der Frage für unnötig.

Manche Menschen glauben und fragen sich: Ist es nicht egal, welche Sprache benutzt wird, wenn alle beide sich angeblich verstehen? Ein Problem besteht in der Abwesenheit der Wahl. Russisch ist überall, gilt als selbstverständlich und ohne Russisch-Kenntnisse ist der große Teil des öffentlichen Raums für eine Person tatsächlich „gelöscht“.

Und dieser Status des Russischen in der Ukraine ist auch nicht mit der Ähnlichkeit der Sprachen zu begründen: Aus dem linguistischen Blickwinkel stehen Belarussisch und Polnisch näher zu Ukrainisch. Und obwohl ich diese Sprachen ganz gut verstehe (vor allem Belarussisch), kann ich sie nicht sprechen. Deutsch und Holländisch haben zum Beispiel mehr lexikalische Parallelen als Ukrainisch und Russisch. Dieser Fakt und systematische Maßnahmen im Laufe der Geschichte, Ukrainisch zu unterdrücken (siehe zum Beispiel Walujew-Zirkular und Emser Erlass), weisen darauf hin, dass die Dominanz vom Russischen im öffentlichen Raum politisch motiviert ist.

Mir gefällt die Phrase „Je mehr Sprachen du sprichst, desto mehr bist du Mensch“ und ich halte meine erzwungene Russisch-Kenntnisse für einen Vorteil. Ich respektiere auch das Recht jedes Menschen auf die Sprachwahl und habe nie von meinen russischsprachigen Landsleuten verlangt, Ukrainisch mit mir zu reden. Aber die Sprache der Mehrheit kann nicht durch die Sprache der Minderheit ständig verdrängt werden. Und die Anwesenheit der Fremdsprache im Leben des Menschen soll eine Wahl und keine Unvermeidbarkeit sein.

Ich hoffe persönlich unter anderem darauf, dass ich selbst und meine ukranischsprachigen Freunde Schritt für Schritt weniger diskriminierende und einfach unangenehme „Sprachsituationen“ erleben werden; dass man endlich aufhört, die schwedischen, japanischen und anderen Bücher aus dem Russischen statt der Originalsprache ins Ukrainische zu übersetzen, weil der Verlag sparen will oder weil es keinen Übersetzer aus der bestimmten Sprache gibt; dass ich weniger absurde Beiträge über die angeblich faschistische Regierung und Zwangsukrainisierung in meinem Heimatsland lesen und meine Beiträge eines Tages auf dem Laptop mit den ukrainischen Buchstaben statt der russischen auf den Tasten schreiben werde.

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Über die Autorin:
Anastasiya Tsvenhrosh, geboren und aufgewachsen in der Ukraine, studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaft im Bakkalaureat an der Universität Wien. Ihr Interesse liegt vor allem im Bereich der Kriegsberichterstattung bzw. Berichterstattung des Krieges im Osten der Ukraine. Die Mitarbeit bei FOMOSO ist für sie eine einzigartige Möglichkeit, wichtige Informationen über die Ukraine und andere osteuropäische Länder, die den deutschsprachigen Raum durch etablierte Medien oft nicht erreichen, in ihren Beiträgen zu liefern.

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